A L’ARME! FESTIVAL VOL. I (2012)
IMPROVISED MUSIC & CONTEMPORARY JAZZ
18 — 21 JULI
RADIALSYSTEM V

PETER EVANS SOLO
NENEH CHERRY & THE THING
KEN VANDERMARK’S MADE TO BREAK
PETER BRÖTZMANN’S HEAVYWEIGHTS!
ANDREA NEUMANN PERFORMS “WATER WALK” BY JOHN CAGE
CASPAR BRÖTZMANN/MARINO PLIAKAS/MICHAEL WERTMÜLLER
SVEN-ÅKE JOHANSSON “AUS DEM KONVERSATIONSLEXIKON”
PETER BRÖTZMANN/KEIJI HAINO
IRÈNE SCHWEIZER/HAN BENNINK
JOE MCPHEE’S SURVIVAL UNIT III
ULRICH GUMPERT PLAYS ERIK SATIE
UND VIELEN MEHR

PRESS REVIEWS

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A l’arme oder Alarm – man kann es lesen, wie man will. Es ist fünf vor zwölf. Höchste Zeit, dass sich der Jazz mit seinen Randfluren zur improvisierten, elektroakustischen und neuen Musik wieder aus seiner elfenbeintürmischen Realitätsfeindlichkeit zurück in die Mitte des Lebens kämpft. Kreativität allein bedeutet gar nichts, wenn sie die Beziehung zur Wirklichkeit verliert und sich nur selbstgefällig am Koordinatensystem der eigenen Parameter abarbeitet. Alarm, an die Waffen und mit voller Kraft zurück in den Alltag!

Es gibt keinen besseren Platz als Berlin, um den Kokon der als innovativ missverstandenen Selbstbezogenheit einer ganzen Szene zu sprengen. Eine Stadt, die wie ein riesiger Durchlauferhitzer funktioniert, in der beinahe wöchentlich Neues entsteht. Eine Drehscheibe, die wächst, nach innen und außen, deren Kessel stetig unter Druck gehalten wird und diesen doch über unzählige Ventile ablässt. Ein Ort, dessen hektische Geschichtslosigkeit dazu einlädt, immer nur nach vorn zu blicken. Völker hört die Signale, hier und jetzt!

Auf dem A L ́ARME! Festival strömen Musiker von vier Kontinenten zusammen. Manche von ihnen wollen sich einfach nicht damit abfinden, dass sie schon vor dreißig oder vierzig Jahren kreative Impulse setzten, andere haben gerade erst ihr adäquates Idiom gefunden. Es wäre müßig, nach den Gemeinsamkeiten von Vater und Sohn Brötzmann, Ken Vandermark, Phil Minton, Keiji Haino, Fred Lonberg-Holm, Christoph Kurzmann oder Irène Schweizer zu suchen. Denn was diese wie auch alle anderen auf dem Festival auftretenden Künstler verbindet, ist weniger ihre stilistische Kompatibilität oder die gemeinsamen Projekte, die viele von ihnen in der Vergangenheit schon bestritten haben. Es ist eine Haltung. Eine von radikalem Individualismus getriebene Notwendigkeit, sich nicht nur zu äußern, sondern sich einzumischen, immer und immer wieder.

Kunst ist immer das, als was wir sie wahrnehmen. Ein sinnliches Erlebnis, dem eine optimierte Kombination von Vision und Handwerk vorausgeht. In dieser Hinsicht unterschiedet sich A l’arme! nicht nur wenig von anderen Jazz-Festivals, sondern nicht einmal von beschaulichen Potpourris volkstümlicher Musik. Hier geht es um etwas, das oft viel zu selbstverständlich genommen wird und doch nichts weniger als dies ist. Es sagt sich so leicht dahin, man wolle sich über alle Konventionen hinwegsetzen. Doch wohin will man gehen, wenn schon alle Plätze besetzt erscheinen? Alle Musiker, die hier zum Alarm blasen, eint die Überzeugung, dass es eben trotz alledem noch etwas zu sagen gibt, das in dieser Form noch nicht gesagt wurde.

Wer zum A L ́ARME! Festival kommt, muss sich auf Penetranz gefasst machen. Denn nur wer den Mut aufbringt, seine Umgebung und sogar sich selbst unentwegt zu penetrieren, wird in der immer unentrinnbaren Kakophonie des globalisierten Rauschens noch gehört. Schließlich geht es hier nicht um medial in Szene gesetzte Popstars, sondern um ein ebenfalls weltweit agierendes, aber nicht werbewirksam gleichgeschaltetes, offenes Kollektiv von Einzelkämpfern, das sich über die immer bedrückender werdende Uniformität unserer Klangwirklichkeit hinwegsetzen muss, ohne sie zu ignorieren. Und genau darauf kommt es an. Die Ära der inneren Emigration von auf Avantgarde abonnierten Ignoranten ist Gott sei Dank unwiderruflich vorbei. Es ist an der Zeit, im urbanen Raum hörbar in die Offensive zu gehen. Alarm! Oder eben A L ́ARME!

WOLF KAMPMANN
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